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Kapitel 1: Projekt Weißer Hase

  • Autorenbild: ru89ed
    ru89ed
  • 29. Juli 2024
  • 8 Min. Lesezeit

Rugged auf Reisen

29.07.2024

10:22 Uhr

Wetter: Bewölkt/Regnerisch



Liebes Logbuch,



der Start in ein neues Kapitel fand seinen Anfang an einem Samstagmorgen, gegen 3:40 Uhr. Wir schrieben den 27.07.2024. Mein Rucksack war gepackt. Das Equipment, eine Essenz an sorgfältig ausgewählten Gegenständen, wurde am Vorabend mehrfach auf dessen Vollständigkeit überprüft. Das bekannte Gefühl etwas vergessen zu haben, hielt sich daher stark in Grenzen. Pünktlich um 4:15 Uhr stand die motorisierte Kutsche, gelenkt durch meinen Schwager in spe, inklusive meiner Schwester, sowie der Reisegemeinschaft, bestehend aus Hurly und Crizz, vor der Tür meines Elternhauses. Ich blickte ihnen von den Eingangstreppen aus entgegen und ein Hauch von Abenteuerlust wehte mir ins müde Gesicht. Nach einer bedächtigen Begrüßung verluden wir das Gepäck ins Auto und die Fahrt konnte beginnen. Crizz, der aufgrund seines Umzugs kein Auge zugetan hatte, verschlief einen Großteil der Reisezeit und Hurly, die krankheitsbedingt angeschlagen war, tat es ihm gleich. Nach etwa 4 Stunden Fahrt und einem kurzem Zwischenstopp an einer Raststätte, wo eine Retter der Rast Bockwurst ihren heldenhaften Dienst verrichtete (no homo), erreichten wir um halb 8 den Frankfurter Flughafen, wo es ein letztes Mal Abschiednehmen hieß. Ein Tränchen kullerte über die Wangen meiner Schwester und auch Deutschland entließ uns höhnisch mit einem traditionellem Schauer. Wir nahmen unser Gepäck auf und verschwanden hinter den Schiebetüren einer riesigen Glasfront.



Die Stimmung war trotz des Schlafmangels ausgelassen und sollte die Strapazen des Tages lange überdauern. Es war, als wäre die Last auf unseren Gemütern, angehäuft durch den immensen, wochenlangen Vorbereitungsstress, neben Arbeit, Umzug und dem Leistungsdruck, den wir durch unsere Reise zu entkommen gedenken, von uns abgefallen. Crizz eilte sogleich zum nächsten Fressstand, wo er neben einem Sandwich, 2 Dosen Becks apportierte, welche um kurz nach 8 geöffnet und zeitnah geleert wurden. Der Flug zum ersten Zwischenstopp in Madrid ging erst um 10:55 Uhr und der Gepäckschalter öffnete 2 Stunden vorher, wo wir bei einem Panamaer unsere in Frischhaltefolie eingewickelten Deuter Rucksäcke gegen jeweils 3 Bordkarten eintauschten. Das Gewicht betrug 11 bis 13 kg (ohne Handgepäck). Wir passierten den Sicherheitscheck und beschafften weitere Becks im Duty Free, kurz bevor das Boarding begann. Ein Transferbus setzte uns vor dem Flugzeug der spanischen Fluggesellschaft Air Europa ab. Als wir unsere Sitzplätze in der letzten Reihe eingenommen hatten, ereilte Crizz ein ganz wundervoller Einfall, den er sogleich verlautbarte: Wir könnten das Bier während des Flugzeugstarts runterziehen. Ich war Fuego und Flamme und zitierte: "We found a way to drink beer faster, comon." Wir verschluckten uns schier, aber der Entertainmentfaktor war hoch. Das Flugzeug erhob sich turbulent in die Lüfte und unter uns versank das trübe Heimatland, das wir für einige Monate nicht wiedersehen würden. Ich schlug die Speisekarte auf. Es würde auf dem kurzen Flug sicher nichts für das kleine Hüngerle geben. Meine Neugier wurde von der freudigen Entdeckung belohnt, dass sich in der Tat ein Bier namens Mahou im Sortiment der Air Europa befand, welches von Crizz mehrfach gut rezensiert und sogleich geordert wurde. Es war wirklich ein sehr angenehmes Tröpfchen, das Lust auf mehr machte.



Der erste Flug verging wie im Flug (see what I did there?). Als wir von Hunger geplagt in Madrid ankamen, suchten wir schnurstracks einen Burger King auf, wo wir unser Mana auffüllten. Dazu schlürften wir einen gar wundersamen Zaubertrank mit der Aufschrift "Mahou"!? Als wir gespeist hatten, verschwand Hurly kurz auf die Toilette, um sich die Nase zu pudern, ehe sie wenige Minuten später die Idylle aufgebracht mit den Worten "bis zu unserem Gate sind es 28 Minuten Fußweg" dem Erdboden gleich machte. Wir hatten vom gutburgerlichen Schmaus im Hotel California die Zeit aus den Augen verloren. Unser Flug ging in 40 Minuten. Wie der Wind sprangen wir in elbischer Leichtfüßigkeit durch Menschengetümmel, eine Hand am Mahou und kamen erst beim gottlos überfüllten Sicherheitscheck zum Stehen, wo uns die Herzen ein wenig in die Hosen rutschten. Glücklicherweise stellten wir fest, dass wir an der falschen Schlange angestanden hatten, denn der Sicherheitscheck für Europäer war bedeutend übersichtlicher. Eine weitere viertel Stunde später, erreichten wir pünktlich das Gate und hatten sogar noch Zeit, um das Spirituosensortiment eines Express Duty Free Stores unter die Lupe zu nehmen, was aufgrund der hohen Abfülleinheiten, jedoch nicht attraktiv war.


Die Hitze des Madrider Wetters war erdrückend, sodass ich froh war, schnell die wohltuende Kühle der Boing erreicht zu haben. Wir fanden uns auf unseren Plätzen ein. Ab diesem Zeitpunkt kann ich nicht mehr genau wiedergeben, was bis zur Ankunft in Panama City geschah. Der Flug startete mit einer Stunde Verspätung und war von einem diffusen Wechsel aus Schlaf bis Halbschlaf, Filmeschauen, aus dem Bullauge auf unseren Planeten hinabblicken und Alkoholkonsum in regelmäßigen Abständen, geprägt. Trotz unendlicher 12 Stunden in menschenunwürdiger Sitzhaltung, wurde uns nach einer gefühlten Ewigkeit, etwa 4 Stunden nach dem Start der Maschine, nur eine lausige Mahlzeit, bestehend aus Hähnchen und Reis, serviert. Ohne den Big King XXL im Magen wäre ich einem der geschmierten Flugbegleiter vermutlich an die Gurgel gegangen. Ich behielt also die Fassung, musste jedoch eine Tablette gegen Kopfschmerzen einwerfen, da auch die Versorgung mit Wasser unter aller Sau war. Das hat man eben von diesen Billigflügen.



Als wir endlich in Panama City angekommen waren, war es ca. 20 Uhr und finsterste Nacht. Der Energiehaushalt war im Keller und die kleine Kerze, die noch tapfer in meinem Inneren brannte, konnte nur durch ein $8 Panama Lager am Leben gehalten werden. Meine Augenlieder schlugen Falten und waren kaum offen zu halten. Meinen Gefährten war die Plackerei ebenfalls ins Gesicht geschrieben. Meinetwegen hätte die Anreise an diesem Zeitpunkt gut und gerne ihr Ende finden können. Zu allem Übel stellte Hurly auch noch fest, dass wir unser Hostel erst ab dem 28. Juli gebucht hatten. Aufgrund der Zeitverschiebung hatten wir trotz des 19-stündigen Fluges noch immer den 27. Juli. Wir waren also gezwungen ein weiteres Hostel buchen zu müssen, was jedoch keine weiteren Probleme für uns bereithielt. Es lag sogar nur wenige Straße von unserem 2. Hostel entfernt.



Die 1,5 stündige Schlafeinheit auf dem letzten Flug von Panama war goldwert. Ein wenig erholt erreichten wir in Guatemala City unser Ziel. Es war 23 Uhr. Erleichtert fanden wir unser Gepäck entfrischhaltefoliert bereits neben dem Förderband liegend vor und begaben uns zum Ausgang, wo wir, nach einem gescheiterten Versuch ein Uber anzufordern, ein Taxi bestiegen, das uns zum Hostel Rio fahren sollte. Trotz vorurteilsbehafteter Zweifel an der Seriosität des Taxifahrers, kamen wir dort auch unbeschadet an. Ein Crackjunky, bei dem scheinbar nicht mehr alle Kerzen im Oberstübchen leuchteten, schielte bei unser Ankunft jedoch durch das Taxifenster.



Das Hostel bestand aus ein paar Schlafsälen, 2 Duschräumen und einem Kloraum. Es war schlicht, aber sauber. Nachdem wir geduscht hatten, begaben wir uns noch auf die Suche nach etwas essbarem. An einer Straßenecke kamen wir bei Mr. Taco unter, bei dem wir - Tata - Tacos bestellten. Nach den ersten Verständnisproblemen, entschieden Hurly und ich uns für einen Taco con Pollo, wohingegen Crizz zu meiner Verblüffung einen Taco con Corazon bestellte. Zum Taco Pollo schlürfte ich das flüssige Pendant Gallo. Und dies sollte die letzte Tat des vermutlich längsten Tages meines bisherigen Lebens gewesen sein. Nach ein paar Gesprächen gingen wir zum Hostel zurück, wickelten uns in unsere Hüttenschlafsäcke ein und entschwanden wohlverdient ins Reich der Träume. Wir hatten es geschafft.




Der nächste Tag begann. Gezeichnet erhob ich mich aus der Gemütlichkeit meines Hostelbettes und erkundete den Frühstücksraum, wo ich Huevos mit Pan und Papaya anforderte, was im Preis von $9 inkludiert war. Ich erstatte Bericht und die Gang folgte meinem Ruf. Im Anschluss packten wir unsere 7 Sachen und begaben uns auf die Recherche nach einer E-Sim-Karte. Als wir auch diese mühselige Scheiße hinter uns gebracht hatten, hinterlegten wir unser Gepäck bei der Rezeption und machten uns auf, um die Millionenstadt Guatemala City zu erkunden.



Der erste Eindruck: Schon ziemlich ghetto. Ich hatte sämtliche Wertgegenstände, außer Handy und 200 guatemaltekische Quetzales (im Fortlaufenden mit Q abgekürzt), die ich am Vortag am Flughafen eingetauscht hatte, im Rucksack gelassen. Die Zone 4, in der unsere Hostels lagen, sowie die Zonen 1 und 10, welche wir uns zum Tagesziel nahmen, galten als sicher. Ich war jedoch im Kampfmodus unterwegs und beäugte vor allem menschenleere Straßen misstrauisch. Wir schlenderten an Essständen vorbei und fielen unter den kleingewachsenen, dunkelhäutigen Guatemalteken auf, wie die weißen Deutschen eben. Die Anspannung fiel erst von mir ab, als wir eine stark besuchte Einkaufsstraße erreichten, die wohl als das Herz der Stadt bezeichnet werden konnte. Überall fanden sich Breaker und Rapper, Jongleure und Musiker, Bettler und Menschen, die versuchten sich durch den Verkauf von Lollis trostlos den Lebensunterhalt zu verdienen. Nice to know: Das Durchschnittsgehalt in Guatemala liegt umgerechnet bei ca. 450 €. Die Altstadt von Guatemala war nicht zu vergleichen mit dem Fischerviertel in Ulm. Es unterschied sich eigentlich nicht sonderlich vom Rest der Stadt. Nachdem wir eine gute Stunde gelaufen waren, suchten wir einen Laden in einer kleinen Einkaufsstraße auf und bestellen uns einen ordentlichen Taco für 30 Q, was in etwa 4€ entspricht. Und wieder tranken wir Gallo. Als wir uns auf den Rückweg zum Hostel begaben, machten wir das erste Mal Bekanntschaft mit dem saisonbedingten Regen, der etwa eine Stunde anhielt. Halb durchnässt stellten wir uns in einem Laden unter, wo wir ein Wasser schlürften. Gegen 15 Uhr kam das Wet T-Shirt Conglomerate im Hostel Rio an, nahm das Gepäck auf und verlagerte den Standort ins Hostel Etsu, welches einen deutlich besseren Eindruck als das Rio machte. Wir bezogen unser Zimmer und fläzten massiv ab. Die Erschöpfung steckte uns noch in den Knochen. Crizz besorgte zwischendurch Modelito, ein Bier, das hielt was es versprach und uns tatsächlich in einen guten Modus versetzte. Gegen 18 Uhr zogen Crizz und ich los, um etwas gegen unseren Hunger zu unternehmen. Hurly blieb im Zimmer. Sie war krankheitsbedingt noch immer etwas angeschlagen. Wir sollten ihr etwas zu essen mitbringen, was wir allerdings unter dem Einfluss von zwei weiteren Gallos vergaßen. Crizz und ich fanden ein mexikanisches Restaurant, wo ich Tacos mit Biersoße bestellte, was überragend, jedoch etwas kostspieliger war. Alles in allem bezahlten wir 278 Q.


Im Nachhinein weiß ich nicht mehr genau, was der Auslöser für die tiefgründigen Gespräche waren, in welche wir plötzlich verfielen, aber es ging tief, sehr tief und es wurden Worte der Bitterkeit ausgetauscht, die mir schwer zu denken gaben. Auf die Details möchte ich in dieser Stelle nicht weiter eingehen. Was im mexikanischen Restaurant geschieht bleibt im mexikanischen Restaurant. Zusammengefasst kann man sagen, dass jedem von uns nochmal klar wurde, warum diese Unternehmung im wahrsten Sinne lebensnotwendig ist.


Als wir uns auf den Rückweg machten, schüttete es wie aus Kübeln. Nichtsdestotrotz gingen wir direkt wieder los, um eine 12er Palette Gallo im nahegelegenen Supermarkt zu ergattern. Crizz trug außer seiner Buchse nur seine Fließjacke, wohingegen ich mich in meinen Regenponcho warf. Das skurrile Bild zweier Pendechos löste unter den paar Einheimischen, die uns auf unserer Besorgungstour begegneten, allerlei Gelächter aus. Wir tranken noch etwas auf unserer Dachterrasse und gingen dann gegen 22 Uhr zu Bett. Es war ein eigenartiger Tag in einer eigenartigen Stadt, die eigenartigerweise immer laut war. Ständig hörte man Flugzeuge vom nahegelegenen Flughafen starten, das Bellen von Straßenkötern, Polizeisirenen, mysteriöse Märsche mit Getrommel und wildem Gehupe oder Leute, die random irgendwelche melodischen Laute von sich gaben. Wohnen wollte ich hier in 1000 kalten Wintern nicht.



Am heutigen Montag erwachte ich gegen 8 Uhr, legte eine Meditationsrunde ein und traf mich dann mit Hurly und Crizzy, die bereits vorgelaufen waren, zum frühstücken. Anschließend begann ich an diesem Logbucheintrag zu schreiben, während die beiden in den botanischen Garten und anschließend ins Naturkundemuseum gingen. Es ist nun 17:49 Uhr. Zwischendurch suchten wir einen kleine ranzige Tacobude auf, wo ich für nur 25 Q 4 Tacos, 1 Burger und 1 Cola erwarb.



So, genug der Worte. Die Palette Gallo ruft. Ich melde mich bald wieder. Buenas noches.



 
 
 

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