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Sonderausgabe: Die Ayahuasca-Zeremonie

  • Autorenbild: ru89ed
    ru89ed
  • 8. Nov. 2024
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 17. Mai 2025

Rugged auf Reisen

08.11.2024

10:27 Uhr

Wetter: Leicht bewölkt, leichter Regen, 31°C


Höchstgeschätztes Logbuch,


just in diesem Moment sitze ich wohlgenährt unter meinem Tipi auf einer rot lackierten Holzbank und beobachte Hundewelpe Gnomo, wie er mal wieder dabei ist ein Loch zu buddeln. Die Magia Verde Lodge ist ein kleines Fleckchen Himmel, mitten im Amazonas, 1,5 Kilometer von Puerto Misahuallí entfernt. Doch sie ist nicht nur eine Unterkunft für Reisende, sondern auch ein Ayahuasca Retreat Center. Ein Kanadier in Guayaquil hatte mir davon berichtet und ich war seiner Empfehlung gefolgt. Lustigerweise traf ich ihn, als ich durch die Gärten der Anlage spazierte, in einer der Hängematten liegend an eben diesem Ort wieder. Nach einem Beratungsgespräch mit Brian, dem Besitzer der Lodge und Mishki, dem Schamanen, der die Ayahuasca-Zeremonien durchführt, entschied ich mich dazu, mich meiner Angst zu stellen. Noch am selben Tag würde ich den Ahnen begegnen.


06. November. 18:30 Uhr. Schamane Mishki legte 2 Steine, eine Kerze, ein Bündel zusammengeschnürter Kräuter, einen Palmwedel und eine Flasche, mit der Aufschrift "Agua de Florida", auf den mit einem Tuch überzogenen Tisch, der sich im Hängemattenbereich unter meinem Tipi befand. Auf einer flachen Steinplatte platzierte er eine bullige Flasche, mit einem dunkelbraunen, dickflüssig aussehenden Sumpfgemisch und ein Becherchen, das mich an den Heiligen Gral aus Indiana Jones und der letzte Kreuzzug erinnerte. Er gebot mir Platz zu nehmen und begann auf gut verständlichem Spanisch zu erklären:


"Ayahuasca wird seit 6000 Jahren verwendet und gilt als Allheilmittel. Alle Inhaltsstoffe sind natürlichen Ursprungs und werden uns von Mutter Erde geschenkt. Sie gibt uns was wir zu Leben benötigen und heilt unseren Körper. Die Einnahme der Medizin öffnet einem das Tor zur Geisterwelt. Gute Geister sind Freunde und werden dazu eingeladen an unserer Seite Platz zu nehmen. Böse Geister sind nicht erwünscht und werden unter anderem mit Hilfe des Palmwedels vertrieben. Es ist wichtig stark zu bleiben. Manche Leute saßen über die gesamte Zeit an Tisch, hoch konzentriert. Manche waren schwach, sanken in sich zusammen und konnten sich kaum mehr rühren. Manche liefen umher, um die Natur zu beobachten. Viele wurden wie durch ein Wunder geheilt. Das Resümee am nächsten Tag war durchweg positiv. Sollte ich Hilfe benötigen, muss ich nur darum bitten. Das eventuelle Erbrechen gehört zum Reinigungsprozess und ist normal."


Mishki entzündete das Ende der Kräuterrute und bat mich aufzustehen. Mit dem Rauch reinigte er erst meinen Körper und dann die Umgebung. In der Dunkelheit blieb er vor dem Dschungel stehen und begann zu murmeln, als spräche er zu ihm. Als er wieder zurückkam, setzte er sich, entkorkte die Flasche und goss, bedächtig abschätzend, Ayahuasca in das Holzbecherchen und reichte es mir mit beiden Händen. Mit beiden Händen nahm ich es entgegen, schloss die Augen und bat, wie mir geheißen, Mutter Erde darum, mich zu reinigen und mir Kraft zu schenken. Ich warf noch einen letzten Blick in das Becherchen, atmete ruhig und trank das Molekül Gottes in einem Zug. Wieder Erwartens war das Gebräu nicht dickflüssig und schmeckte wie ein etwas herberer Schwarztee. Ich spülte mit 3 Schlücken Wasser den Mund aus, um den Geschmack loszuwerden. Dann fing der Schamane erneut an zu erzählen. Ein Falter flog um mich herum. Ich war gerade im Begriff ihn wegzupusten, doch Mishki gebot mir Einhalt. "Nicht. Er ist von deiner Energie angezogen. Er bringt Glück." Der Schamane entzündete eine Zigarette und hielt während er gelegentlich daran zog seine Handkante über den Rauch, als wolle er diesen entzwei spalten. Er beobachtete was geschah und murmelte etwas. Soweit ich es verstehen konnte, war die Nacht ruhig und der Zeitpunkt der Zeremonie günstig. Ich saß ruhig da, schaute und hörte zu und wartete gespannt darauf, dass etwas passierte.


Nach 20 bis 30 Minuten überkam mich, angefangen in meinen Armen, eine leichte Welle der Euphorie und ich merkte, wie das Ayahuasca Wirkung zeigte. Langsam schloss ich die Augen. Die Visionen waren anfänglich nur dezent, wie hinter Milchglas wahrnehmbar, doch sie wurden von Minute zu Minute klarer, bis sie gestochen scharf waren. Ich sah eine lila Lichtgestalt, die an eine Elfe erinnerte. Sie winkte mich zu sich heran und kicherte, wegen meiner Unsicherheit. Weitere Geisterwesen begutachteten mich, hießen mich willkommen, wollten mich für sich gewinnen und umwarben mich. Manche dieser Wesen waren schaurig anzusehen, erinnerten an Spinnen oder Kraken. Mir fiel der Spruch von Brian ein: "Nur weil ein Monster böse aussieht, heißt es nicht, dass es böse ist." Eine der Gestalten meinte eben dies zu mir und beleidigt verschwand sie. Ich entschuldigte mich und erklärte, dass ich mich hier erstmal zurechtfinden müsse. Mehr und mehr versank ich in einer Welt, die an einen Freizeitpark mit Discos, Liebeshäusern, Kerkern oder die Winkelgasse erinnerte, die Wesen als die Türsteher. Jedoch ergab nichts auch nur den geringsten Sinn. Es gab keine Parallelität. Alles bewegte sich zu jeder Sekunde und unterlag ständiger Veränderung. Stark heruntergebrochen konnte man die Szenerie mit einem Mandala vergleichen, in welches Geisterwesen verwoben waren, die mit einem kommunizierten. Als die Visionen intensiver wurden, öffnete ich immer wieder die Augen, um mir eine kurze Auszeit zu gönnen. Nach einer gefühlten halben Stunde erhob mich und legte mich in die Hängematte. Der Schamane, dessen Gesicht zwar noch erkennbar war, doch auch irgendwie verschwommen aussah, löschte das Licht der Kerze und ich lag im Dunkeln da und konzentrierte mich auf den luziden Traum.


Ich versuchte die Visionen zu steuern und ins All zu fliegen, was mir nicht gelang. Jede Szenerie war wie in einem Raum eingegrenzt und ohne offene Decke. Ich wollte wieder in die pinke Gegend, die an ein Liebeshaus erinnerte, da ich mich dort am wohlsten gefühlt hatte. Da erinnerte ich mich plötzlich an Mishell und an eindrückliche Szenen, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Es schien, als wäre ich von ihrem Geist umgeben und ich empfand eine tiefe Liebe ihr gegenüber, die mir die Tränen in die Augen trieb. Ich hatte das Bedürfnis zum Handy zu greifen und ihr "Te quiero" zu schreiben, doch widerstand dem Gefühl. "Keine vertrippten Gespräche, die du am nächsten Tag bereuen könntest", wie es mich die Erfahrung gelehrt hatte.


Irgendwann ließen die Visionen etwas nach. Ich hatte das Gefühl, die Geisterwesen hätten sich von mir abgewendet, da ich manchen von ihnen misstrauisch begegnet und vorsichtig war. Der Freizeitpark war wie ausgestorben. Ich öffnete abermals die Augen, blickte mich um, war sehr klar und überlegte: "Hm, war es das schon? Vielleicht war die Dosierung doch etwas zu niedrig." Und dann donnerte das Ayahuasca rein wie nicht mehr ganz sauber.


Eine gigantische Mandaladiskothek tat sich vor mir auf. Riesige, sich immer bewegende Augen traten aus der Decke hervor und waren so dicht vor meinem Gesicht, dass es unangenehm war. Ich konnte meinen Blick jedoch nicht abwenden und war gezwungen mir alles mit anzusehen. Meinen Körper durchströmte plötzlich eine heiße Welle unglaublicher Lust und sexuelles Verlangen. Ich glühte, biss mir auf die Lippen und konnte meine Erregtheit kaum in Zaum halten. Die Mandaladiskothek pulsierte. Ich kann mich nicht daran erinnern Musik gehört zu haben, es lagen jedoch Schwingungen in der Luft, die sich wie Musik anfühlten. Nach und nach fühlte ich meine Kraft schwinden. Ich hatte den ganzen Tag gefastet und hatte einen Bärenhunger. Plötzlich war ich unglaublich ausgelaugt und mir war zum Schlafen zumute. Die Party ging jedoch mit Vollgas weiter. Ich öffnete die Augen, um der Achterbahnfahrt zu entkommen und... Mich traf beinahe der Schlag. Es machte keinen Unterschied mehr, ob meine Augen offen oder geschlossen waren. Die Mandaladiskothek umgab mich, wohin ich auch sah. Ich sah zwar noch verschwommen die Umgebung, sofern das in der Dunkelheit möglich war, die Vision war allerdings darüber gelayert. Ich öffnete und schloss meine Augen ein paar Mal und entschied mich dann dafür sie einfach geschlossen zu halten. Es war ja ohnehin Wurst. Ich versuchte zu schlafen, schaffte es nicht. Langsam aber sicher bekam ich es mit der Angst zu tun. Ich wurde Paranoid, dachte an Jaguare, die im Dickicht auf mich lauerten, Schlangen und andere Kriechtiere. Der Schamane war verschwunden. Nichts ergab mehr Sinn. Mein Körper hatte keinen Bestand mehr und war Teil des Mandalas geworden. Das einzige, das noch blieb, war mein Bewusstsein, auf das ich mich versuchte zu konzentrieren. "Es ist nur ein Film." Mir wurde kalt. Ich versuchte mich zuzudecken, schaffte es jedoch erst nach einer Minute die Enden der Decke zu finden, was mich dann doch zum Lachen brachte. Ich bekam Durst und griff um mich. Das Glas stand auf dem Tisch. Ich konnte jedoch unmöglich aufstehen. Es war zu dunkel. Nach einer Ewigkeit erhob ich mich endlich, hängte die Füße aus der Hängematte, tastete, wo der Boden anfing, stand auf, versuchte nach meinem Handy zu greifen, griff ins Leere, näherte mich an, griff zu weit, tastete vorsichtig weiter, schaffte es schließlich und schaltete das Licht an. Halb verdurstet exte ich das volle Wasserglas runter und legte mich wieder hin. Die Prozedur wiederholte sich, als ich irgendwann dachte auf die Toilette zu müssen. Ich schwankte über die verschwommene, mit einem zirkulierenden Mandalakringel eingerahmte Brücke und schaffte es zu guter Letzt zum Porzellan. Der Kanadier, der am Tisch saß schaute mich an. Ich signalisierte ihm mit hochgezogenen Augenbrauen und abwinkender Handbewegung, dass mich das Zeug vollkommen wegballerte. Da er nicht interferieren wollte, sagte er nichts.


Ich war fix und fertig und wollte nur noch, dass der Trip endlich ein Ende nahm. Meine Augen tränten ununterbrochen. Mir wurde schwindlig. Ich setzte mich auf, griff nach dem Eimer und erbrach mich, würgte, erbrach erneut. Endlich kam der Schamane herbei, händigte mir ein Taschentuch, stand mir bei, leistete mir Gesellschaft und entzündete wieder seine Kräuter. Ich wusste nicht mehr, ob ich schlief oder wachte. Der luzide Traum verlangte mir bis auf die letzten Energiereserven alles ab. Irgendwann begab ich mich in mein Tipi, wo mir keine Jaguare im Nacken saßen und die Wirkung gegen 22 Uhr dann endlich nachließ. Ein Hauch davon überdauerte jedoch die ganze Nacht. Ich schlief keine Sekunde. Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Jeglicher Meditationsversuch scheiterte kläglich. Doch ich war voller Liebe, Dankbarkeit und Mitteilungsbedürfnis. Ich schrieb eine gute Stunde mit Mishell und Raffi, bis die beiden schlafen gingen. Was für ein Abend.

 
 
 

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