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Kapitel 7: Hell Salvador

  • Autorenbild: ru89ed
    ru89ed
  • 29. Aug. 2024
  • 7 Min. Lesezeit

Rugged auf Reisen

12:55 Uhr

29.08.2024

Wetter: Strahlend blauer Himmel, keinen Meter Neuschnee



Ajuuuaaa Logbuch,



qué onda? Suave la nave? Buenisisimo. Ich sitze im Zwiebel Hostel von Castor, habe gerade meine letzten Quetzales in amerikanische Dollar umgetauscht und ein Helado verschlotzt. Keine Ahnung was für Sorten es sind. Ich habe einen Scheißdreck verstanden.



Das Shuttle am Montag kam geschlagene 2,5 Stunden zu spät, sodass mir der Ärger schon zu Kopf gestiegen war und ich bei der Rezeptionistin zusehends unfreundlicher den Stand der Dinge erfragte. Letzten Endes war es jedoch fast besser die Wartezeit im Hostel, statt im Shuttle zu verbringen, denn andere Reisende, deren Shuttle pünktlich um 9 Uhr gefahren war, kamen nur 10 Minuten vor uns im Hostel Zwiebel an - unter anderem John, der wir im Banana Club kennengelernt hatten. Die zufälligen Wiederbegegnungen waren manchmal einfach urkomisch. Warum das Hostel "Zwiebel" hieß, erklärte uns der in Santa Ana geborene Castor einen Tag später: Er hätte viele deutsche Bekanntschaften und Zwiebel wäre ein Wort gewesen, für dessen Aussprache 2 Wochen Übung nötig gewesen wären. Im Hosten waren überall Schilder (wie z.B. Scheißhaus) oder selbst gemalte Bilder aufgehängt. Gleich am Eingang wurden wir von Bush begrüßt, ein lebhafter Labrador, der dazu neigte zu überdrehen. Lenny, ein Münchener, kam ebenfalls zeitgleich mit uns an. Castor empfahl uns gleich den besten Pupusaladen der Stadt, der sich um die Ecke befand, welchen wir gleich aufsuchten, da wir noch nicht wirklich etwas gegessen hatten. In der ersten Runde orderte ich 2 Pupusas für je 1$. Einen davon vergaßen sie, welcher gleich nachgereicht wurde. Dann ging es jedoch los mit dem Drama. John und seine Freundin Brook gesellten sich dazu und machten ihre Bestellung, die ebenfalls schnell kam. Die 2. Runde dauerte geschlagene 45 Minuten, bis wir sie erhielten. Wir sprechen wohlgemerkt von einem Fast-Food-Restaurant. Am Ende berechneten sie uns mehr, als wir verspeist hatten, da sie Johns und Brooks Rechnung, die selbst gezahlt hatten, mit auf unserer Rechnung auswiesen. Der Knabe, der uns bediente, war mit der Situation heillos überfordert und wir kamen uns wegen 5$ unglaublich deutsch vor, deshalb ein Fass aufzumachen. Aber als der Stein ins Rollen geriet, lies er sich nicht mehr aufhalten. Naja. Aber wie Gallos Matheprof einst zu sagen pflegte: "Entwedr s isch an Depp odr an Gaunr. Wenns an Depp isch, duadr mr loid. Abr wenns an Gaunr isch, na fahr i aufn nah wia dr Blitz." Die Pupusas waren trotz allem der Shit! Castor, der sich als unglaublich menschenfreundlicher Gastgeber herausstellte, nahm uns mit in die Downtown Bar, wo wir ein paar Cervezas schlürften. Kein Schild wies auf die Existenz der Bar hin. Castor klopfte an, eine Tür und eine weitere Gittertür wurden geöffnet und wir traten in eine Art offenen Innenhof. Zur rechten ging es zur Bar, zur linken zu einem der drei Billardtische, wo wir die Kugeln sprechen ließen. Castor gab uns einen kleinen Vorgeschmack darauf, was er am nächsten Tag in einer "Authentic Local Walking Tour" zum besten geben würde.



Am Dienstag früh verabredeten wir uns mit den anderen Leuten aus unserem Hostel um 7 Uhr zum Aufstieg auf den Santa Ana Vulkan Ilamatepec. Hannah, die aus Norwich, England kam, volunteerte im Zwiebel Hostel und kannte sich schon ein wenig in der Stadt aus. Wir folgen ihr zum Abfahrtspunkt des überfüllten Chicken Buses, der uns 2 Stunden zum Fuße des Vulkans fuhr. An den Haltestellen kamen immer wieder Obst- oder Platanoverkäufer hereingeschneit, um ihre Ware an den Mann zu bringen. Der Aufstieg war im Vergleich zum Acatenango ein Spaziergang, jedoch benötigten wir auch hierfür gute 2 Stunden, ehe wir am Schwefelsee angelangt waren. Rauchschwaden stiegen von der türkisgrünen Brühe auf. Es hatte etwas gespenstisches an sich. Der Vulkan war das letzte Mal im Oktober 2005 ausgebrochen, wo er Gesteinsbrocken bis zu 1,5 Kilometer weit ins Landesinnere geschleudert hatte und seinen Standort durch eine 10 km hohe Rauchwolke kenntlich gemacht hatte. Ich pflanzte mich im Schneidersitz auf den steinigen Boden, schmierte mir eines meiner Nutellabrote und genoss die Aussicht, ehe wir wieder den Abstieg antraten. Das Highlight des Tages sollte jedoch noch folgen.



Gegen Nachmittag versammelten sich John, Brook, Lenny, Hannah, Commandate, Gallo und ich für einen walk through the deepest part of the hood. Castor war 33 Jahre alt und hatte in jungen Jahren miterleben müssen, wie El Salvador zum berüchtigten Hell Salvador wurde, dem einst gefährlichsten Land. Laut seiner Aussage gabe es zwischen 2005 bis 2015 Zeiten, wo sich die Mordrate auf 65 Morde täglich belief. Castor führte uns durch die Hood seiner Kindheit und erzählte, wo sie Cashewäpfel (ja, der Baum trägt neben Nüssen auch Früchte) und Avocados ernteten, von den schwierigen Verhältnissen, in denen er aufgewachsen war und wie es zu der Misere des Landes gekommen war. Scheinbar wurden viele zuvor geflüchtete bzw. ausgewanderte Salvadorianer aus den USA deportiert, welche, die in den Staaten erlernte Gangmentalität, zurück ins Land brachten. 2005 explodierte das Pulverfass und die Einwohner El Salvadors waren ihres Lebens nicht mehr sicher. Castor berichtete, dass man keinen Fuß in fremdes Gangland setzen konnte, ohne erschossen zu werden. Teilweise wurden die Pässe an den Barriogrenzen kontrolliert. Er berichtete vom Psychoterror, der betrieben wurde. Man konnte keiner Seele trauen, keine Nettigkeiten annehmen. Er musste seinen Iro abschneiden, da dieser einem Gangmitglied scheinbar nicht zusagte. Er berichtete vom Bruder eines Kollegen, der in 18 Teile zerhackt in einem Aktenkoffer aufgefunden wurden. Er berichtete von einem Jungen in ihrem Alter, der, während er und ein Freund auf der Straße spielten, sie zuerst grüßte und anschließend jemanden an einer Straßenecke erschoss, zurückkam und meinte, sie sollten aufpassen, da bald die Bullen eintreffen würden. Wir liefen kopfschüttelnd hinter ihm her und sogen jedes Wort auf, das er sagte. Als die Hoodtour vorrüber war, führte er uns in ein familiengeführtes Pupusarestaurant, das zugleich ein Friseursalon war, wo wir die hohe Kunst des Pupusamachens erlernten. Mehr Hood konnte es kaum werden, meinte Gallo. Wir wuschen uns die Hände, nahmen dann den Teig in die Hand, klopften ihn platt, trugen Bohnenpaste, Hähnchen und Käse auf und formten daraus einen Pancake, den wir auf die Herdplatte warfen. Während des Essens zeigte uns Castor seine Künste im Capirucho spielen. Hierbei handelte es sich um einen Stab, der über eine Schnur mit einer kleinen Holztrommel verbunden war. Ziel des Geschicklichkeitsspiels war es, die Trommel hochzuwerfen und mit dem Stab aufzufangen. Sein Rekord läge ohne Unterbrechung bei über 300 Mal. Er hatte sogar einen für jeden von uns mitgebracht. "Wer es schafft das Teil 3 Mal hintereinander aufzufangen, kriegt von mir ein Bier", meinte er. Das ließ ich mir nicht 2 Mal sagen. Ich spielte gute 2 Stunden mit dem Capirucho, während die anderen sich ein Eis holten. Irgendwann begann mein Daumen zu krampfen und es bildeten sich Abdrücke, doch - siehe da - abends im Hostel schaffte ich es tatsächlich. Castor hielt Wort und marschierte schnurstracks los, um eine große Pulle Regia Extra vom Cornerstore zu holen. Danach gingen er, Gallo und ich erneut ins Downtown, um ein paar Runden Billard zu spielen. Es war ein wundervoller Tag und wir waren froh El Salvador auf unserer Reise nicht übersprungen zu haben, was jedoch ausschließlich Castor zu verdanken ist.



Am darauffolgenden Tag machten wir einen Ausflug zum Salto de Malacatiupán, den heißen Wasserfällen, ein Stück außerhalb von Santa Ana. Das Wasser wird von Vulkanen aufgeheizt und erreicht Temperaturen von bis zu 36°C. Es war brühwarm und überhaupt nicht erfrischend. Als wir das Wasser wieder verließen, war die brütende Hitze von über 30°C jedoch deutlich angenehmer zu ertragen. Cliffjumping war aufgrund des zu niedrigen Wasserstands leider zu gefährlich. Wir chillten in einem der kleinen, von Wasser ausgehölten Nebenbecken und ließen die Seele baumeln. Auf unserem Rückweg versuchten wir per Anhalter bei einem Transporter mitzufahren, was eine kleine Weile dauerte. Ich war gerade dabei uns 10 Kekse zu kaufen, als tatsächlich ein Jeep anhielt, um uns mitzunehmen. Ich sprang hastig mit den Worten "I needed those cookies" auf die Ladefläche, verteilte 7 Stück an meine hinreisenden Mitreisenden und gab die letzten 3 der Dame, die uns freundlicherweise mitgenommen hatte.



Am Abend luden wir Castor als Dank für all seine Mühen zum Essen im "Simmer Down" (Freilich simmer down) ein, wo Gallo und ich uns nach 1 Monat der Abstinenz das erste Steak gönnten. Es war stabil, jedoch nur mittelmäßig und die 15$ nicht wert, aber eben was wir wollten. Danach gingen wir traditionell ins Downtown, wo Castors Boys, wie jeden Mittwoch, Billard spielten. Als ich meinte, dass mein Spitzname Borracho sei, packten sie eine ganze Playlist an Borrachosongs aus und sangen bei jedem Lied lauthals mit. Wir wurden bestens entertaint. Ich verlor das 1. Spiel knapp und das 2. haushoch gegen denselben Homie, woraufhin Gallo und ich uns an einen der anderen Tische zu schaffen machten. Nicht, weil wir uns nicht messen wollten, sondern, da es zu lange brauchte, bis man wieder an der Reihe war. Hannah, Brook und John jointen uns an diesem Tisch und wir spielten bis um halb 12, bevor wir uns auf den Rückweg machten.



Am heutigen Morgen um 8 Uhr war es dann soweit und Comandante und Gallo bestiegen das Shuttle zum Flughafen in San Salvador. Wenn alles glatt ging, sollten wir uns in spätestens 2 Wochen in Nicaragua wiedersehen. Der Abschied ließ mich jedoch nicht kalt. Wir hatten einen ganzen Monat jeden Tag miteinander verbracht, gelacht, geweint, und im Inneren hatte ich das Bedürfnis etwas Besonderes zu sagen. Mir fiehlen jedoch nicht die passenden Worte ein, nicht zuletzt da es 8 Uhr in der Früh war. Im Laufe des Tages schrieben wir jedoch immer wieder miteinander und ich denke, dass sie mein Gefühl teilten.



Abgesehen vom Schreiben dieses Logbucheintrags habe ich meine restlichen Quetzales in Dollars eingetauscht, weitere Dollars abgehoben, endlich eine Sonnencreme für Allergiker erworben und eine Entscheidung bezüglich meiner Weiterreise getroffen. Nachdem Castor des Öfteren von El Zonte geschwärmt hatte, er nächstes Jahr ebenfalls dort sein Dasein fristen will und er sich mein Vertrauen redlich verdient hatte, sollte dies mein nächster Stopp werden. Das Shuttle und ein Zimmer im Casa de Colores sind gebucht. Ich hoffe gesund und munter meine Surferaktivitäten wieder aufnehmen zu können.



Eben waren wir zum Abschied Pupusas essen. John und Brook werden sich morgen ebenfalls auf den Weg nach Honduras machen, wo sie höchstwahrscheinlich wieder auf Comandante und Gallo treffen werden. Wir werden uns vermutlich ebenfalls in Nicaragua wiedersehen.



Bueno. Es ist 22:55 Uhr. Ich gehe ins Bett. Buenas Noches, liebes Logbuch.

 
 
 

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