Letztes Kapitel - Das Ende vom Anfang
- ru89ed
- 7. Mai 2025
- 9 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 17. Mai 2025
Rugged auf Reisen
07.05.2025
16:06 Uhr
Wetter: Bewölkt
Aeropuerto Internacional Mariscal Sucre. Quito, Ecuador. Tag 285. Ich komme heim.
Ich möchte mich bei allem Menschen bedanken, die ich auf meiner Reise kennenlernen durfte. Es scheint fast so, als hätte ich nun Freunde in jedem Land dieser Welt und es betrübt mich, dass ich ohne aufwändige Anreise nicht mehr Zeit mit euch verbringen kann. Ich versuche dennoch den Kontakt aufrecht zu erhalten. Ihr wart die wichtigste Komponente und habt mich an etwas erinnert, das ich vor langer Zeit vergessen hatte.
Ich habe ein anderes Leben kennenlernen dürfen. Orte, mit anderem Klima, anderer Höhenlage und Tagesrhythmus. Mit anderer Flora und Fauna. Mit Tieren, die man vermutlich besser tötet, bevor man vergiftet wird. Wo andere Kulturen, Mentalitäten und Wertvorstellungen gängig sind. Ich habe an pazifischen und atlantischen Küsten bei Sonnenuntergängen und Stürmen gesurft, bin auf 5000 Meter hohe Vulkane gestiegen, habe Erdbeben miterlebt und im amazonischen Dschungel Ayahuasca getrunken. Ich lag in Hängematten auf paradiesischen Inseln, habe mit Haien und Stachelrochen geschnorchelt, bin von einer 143 Meter hohen Gondel in einen von Nebelschwaden durchdrungenen Wald gebungeejumped, habe alkoholisierte Chontacuros gegessen und so, so vieles mehr. Ich habe jedes leere Kästchen auf meiner Checkliste abgehakt, alles getan wovor ich Angst hatte und könnte morgen erhobenen Hauptes in den Tod gehen. Jeder Tag auf Reisen ist so gehaltvoll, so dicht an Informationen, dass es wie ein zweites Leben anmutet und ein Bericht dessen 1000 Buchseiten umfassen würde. Alles ist so unglaublich frei und in Ordnung, da Erlebtes einen von den Problemen ablenken, die ohnehin nur vom denkenden Verstand erschaffen werden. Wenn ich Freunde in Deutschland bei einem Telefonat fragte, was es Neues gäbe, lautete die Antwort beinahe ausschließlich: "Alles beim Alten. Nix neues. Arbeiten halt." Ich verstehe es natürlich, da ich diese Antwort ebenfalls oft genug gegeben habe, jedoch stimmte es mich jedes Mal nachdenklich. Was für ein Leben führt man denn, wenn man sich nicht einmal daran erinnern kann? Ich lege jedem ans Herz sich aufzumachen und die Wunder dieser Welt kennenzulernen. Man benötigt Vergleiche, um zu begreifen wie unglaublich privilegiert wir in Deutschland sind, anderenfalls ist es meiner Erfahrung nach kaum möglich den Luxus einzuordnen und wertzuschätzen.
Ich habe erlebt, was Geld anderenorts für einen Wert hat. Ich habe halb verhungerte Hunde mit hervorstehenden Rippen und Hüftknochen an kurzen Leinen in Höfen liegen sehen, da Hundefutter scheinbar zu teuer war. Ich habe den erschütternden Überlebenskampf zwischen konkurrierenden Ladenbetreibern gesehen, die sich gegenseitig wegen Nichtigkeiten und Existenzängsten an die Gurgel gingen. Ich habe mitbekommen, dass eine Ladenbetreiberin von einer konkurrierenden Familie vor laufenden Überwachungskameras verprügelt wurde und als Entschädigung lediglich $1000 erhielt, die nicht einmal die Arzt- und Arzneikosten deckten. Ich habe die Hilflosigkeit gespürt, nichts dagegen tun zu können bzw. den Gewissenskonflikt nicht helfen zu wollen. Denn man könnte ja, aber eben nicht allen. Gibt man jedem der 30 Bettler am Tag einen Dollar? Nur den Mitleidserregendsten? Oder nur den Kindern unter 7 oder 8 Jahren? Wie geht man damit um, dass diese Menschen womöglich ohne Essen zu Bett gehen und man es hätte verhindern können? Eine Freundin erzählte mir, dass ihre Familie als sie ein kleines Mädchen war so arm gewesen sei, dass ihre Mutter ihr auf die Frage hin, ob sie einen Geburtstagskuchen bekommen könnte, meinte, dass sie sich das nicht leisten könnten. Wie viel kostet ein Kuchen? Und wie viel Geld habe ich in meinem Leben für unnötigen Scheißdreck aus dem Fenster geworfen? Wie viel Geld spende ich einem Kumpel, der aufgrund seiner schweren Erkrankung sein gesamtes Erspartes verloren hat und nun wieder bei 0 anfangen muss? An manchen Tagen geht er zu Freunden zum Essen, da er sich keinen Einkauf leisten kann. Wie viel spende ich dem von einem Wildfeuer halb niedergebrannten El Paredon in Guatemala, weil ich dort 1 Woche verbracht habe? Vielleicht haben die Bauern, die dort täglich Ihren Müll verbrannt haben, das Feuer ja auch selbst zu verantworten. Gute Ausrede dafür nichts gespendet zu haben. Ist ja auch viel zu unpersönlich. Eine Freundin sollte sich in naher Zukunft einer Augenoperation unterziehen, da sie sonst Gefahr läuft zu erblinden. Die OP kostet $500. Sie verschiebt den Termin bereits seit über einem Jahr, da ihr andere Investition wichtiger sind, unter anderem Klamotten für ihre Tochter. Ich habe die sich aus dem nackten Überlebenskampf resultierende Ellenbogengesellschaft in überfüllten Bussen oder Warteschlangen zu spüren bekommen. Ich hatte ein leichtes Mädchen, das sich täglich neue, ihr Essen spendierende Touristen anlachte, abwertend als Golddigger abgestempelt, ohne darüber nachzudenken, dass dies eben die Mittel sind, die sie hat. Der Grat zwischen Moralität und dem Wunsch nach etwas Luxus ist hauchdünn. Als Privilegierter ist man vorschnell mit einem Urteil bei der Hand. Ich habe erlebt, wie ein weißer, deutscher Jugendlicher sich darüber echauffierte, dass die Dinge nicht nach seinem Gusto verliefen. Das Shuttle wäre zu spät, der Fahrer würde seinen Rucksack ins Auto schmeißen, obwohl zerbrechliches darin wäre, die Badtür der Reiseagentur wäre defekt... Als ich ihn auf Deutsch fragte, ob es ein Problem gäbe, schaute er mich erschrocken an. Würde man die Badtür nicht reparieren, wenn das Geld dafür zur Verfügung stünde? Ich habe die abwertenden Blicke der Einheimischen gespürt, die mich aufgrund meines Aussehens betrachteten, als wäre ich eine Marie Antoinette, der das Schicksal der Armen egal wäre. Noch schwieriger war der Umgang mit denen, die tatsächlich glaubten, dass man etwas Besseres sei, weil man "wohlhabend" ist. Ich werfe mir Überheblichkeit vor, als ich manchmal davon erzählte, wie "anders" die Zustände in Deutschland seien. Eine Freundin fragte mich daraufhin, warum ich depressiv sei, schließlich würde es mir an nichts fehlen und ich würde im Paradies leben. Ich hätte ja keine Probleme. Meine Antwort lautete, dass Materialismus scheinbar nicht alles sei. Es gibt Menschen, die 7 Tage die Woche von 8 bis 18:30, manchmal bis 22:00 Uhr arbeiten gehen, da sie eine 4-köpfige Familie zu versorgen haben. Menschen, die noch nie ein anderes Land besucht haben, noch nie geflogen sind, sich zwischen Freizeit und Essen entscheiden können. Menschen, die versuchen sich unter größtem finanziellem Risiko ihr Geschäft durch Kredite mit 16% Zinsen aufzubauen. Ohne Versicherung. Ohne Kompensation bei krankheitsbedingten Ausfällen. Ich habe eine Kellnerin in Tränen ausbrechen sehen, weil sie sich den Fuß beim Arbeiten verstauchte. Sicherlich hatte sie Schmerzen. Ich bin mir jedoch fast sicher, dass sie aufgrund der Einsicht geweint hat, für einige Zeit nicht mehr arbeiten gehen zu können.
Und nun? Wie gehe ich nun mit diesem Wissen um? Lebe ich in Achtsamkeit oder unternehme ich sogar etwas gegen die Missstände auf der ganzen, weiten Welt? Sollte ich mich zurück an die trostlose Arbeit begeben und sie verdammt nochmal wertschätzen? Will man dem Elend in solch einem Land tagtäglich ausgesetzt sein oder sich gar etwas aufbauen? Ich bin von den Eindrücken und Emotionen hin- und hergerissen und will mich zuerst etwas sortieren. Es ist merkwürdig wieder in Deutschland zu sein. In dieser sterilen Bubble, von sämtlichen Missständen abgekapselt. Hier finden die Probleme nicht vor der Haustür, sondern in den Köpfen der Menschen statt. Niemand lacht. Niemand muss intrinsische Positivität aufwenden, um die Negativität der Gegebenheiten auszugleichen. Mit Luxus geht die Angst ihn zu verlieren einher, doch wer ihn misst, strebt nach ihm. Es ist die Gier, die den Menschen zu einem Tier macht. Das oberste Gebot ist und bleibt Achtsamkeit.
Aber wie ist denn nun das Leben in Ecuador, meiner fast zweiten Wahlheimat? Regionale Produkte sind unglaublich günstig, aber leider auch oftmals von geringer Qualität. Gewährleistung scheint es nicht zu geben. Importware ist mindestens gleichpreisig wie in Deutschland. Bestimmte Produktgruppen wie beispielsweise Arzneimittel oder Supplements sind irrsinnig teuer. 60 Vitamin-C-Tabletten kosten $20 (DE: 5€). Eine 500g Dose Kreatin liegt bei unfassbaren $70 (DE: 10€). Laktasetabletten liegen bei $20 für 30 Stück (DE: 4€). Bei einem monatlichen, ecuadorianischen Standardgehalt von $400 darf man scheinbar nicht allzu viel auf seine Gesundheit geben oder muss sich mit Mütterchens Hausmitteln behelfen. Die Krankenhäuser sind jedoch für alle kostenlos. Die Straßen sind marode, die Gehwege eng, nicht vorhanden, holprig. Ich habe in den 9 Monaten in Lateinamerika mehr Unfälle gesehen, als in meinem gesamten Leben in Deutschland. Das Leitungswasser ist nicht trinkbar, sodass man sich jede Woche für $2 einen 20-Liter-Kanister an die Haustür liefern lässt (erstmalige Anschaffungskosten: $14). Alle 6 Monate sollte man eine 3-tägige Tablettenkur gegen Parasiten machen. Mittagessen (sogenannte Almuerzos oder Menú del día) kosten $3-4 und bestehen meistens aus Fleisch, Reis, Bohnen, Salat, Vorspeisesuppe und einem kleinen Nachtisch. Die eigens zubereiteten Spaghetti Bolognese kosteten mich $15, sodass ich mit einem Restaurantbesuch manchmal besser beraten gewesen wäre. Die Monatsmiete für mein vollmöbelwertes, hochwertiges AirBnB betrug $400. Scheinbar liegt der normale Wohnungspreis im touristischen Baños bei rund $150. Mit Wasser, Strom und Internet kommt man auf ca. $250. Eine SIM-Karte bekommt man für $8. Die Aufladung ist einen Monat gültig. Man erhält 7GB Datenvolumen, wobei WhatsApp ohne Datenverbrauch genutzt werden kann. Der Netzempfang ist außerhalb von Städten oftmals nicht gegeben. Die Straßen sind lebhaft und die Menschen sind sehr kommunikativ. Sie halten sich mit Positivität über Wasser. Sie sind herzlich, grüßen sich täglich, spaßen und necken sich. Ich bin kein Freund davon als Chele (Blonder) oder Gringo (eigentlich Amerikaner [Green go home], aber im generellen Sprachgebrauch Nicht-Latino) klassifiziert und bezeichnet zu werden, aber so ist es nun mal. Die meisten träumen vom Reisen. Viele Venezolaner haben aufgrund der schwierigen Verhältnisse ihr Land verlassen. Man hilft Freunden über die Runden oder lädt zu familiären Abendessen ein. Für mich hatte es immer eine unglaubliche Bedeutung, wenn mir einer meiner Hermanos etwas spendierte. $6 für eine Mahlzeit waren immerhin ein Drittel, wenn nicht sogar die Hälfte seines Tageslohns.
Das Klima in Baños war relativ unspektakulär. Schien die Sonne, hatte es ca. 25°C, bei Regen oder Nacht waren es ca. 15°C. Jeden Tag, das ganze Jahr. Regnete es in den Sommermonaten ab September nicht genug, wurde der Strom abgestellt, da man in der Vergangenheit fatalerweise auf Wasserkraftwerke gesetzt hatte. Dies hatte zur Folge, dass das kleine Baños von 12 bis 18 Uhr von Kompressoren nur so brummte und man keinen Handyempfang hatte. In größeren Städten wie Riobamba oder Quito waren die Stromkürzungen eine Katastrophe. Hier waren Outtages von 8-12 Uhr und 18-24 Uhr angeordnet, das hieß keinen Strom in Haushalten oder beim Arbeiten, keine Laternen und Ampeln, nichts.
Die Natur von Ecuador ist unglaublich schön. Alles ist sehr grün und üppig. Berge prägen den Horizont, wohin man auch sieht. Baños liegt auf 1800 Meter in einem Tal, am Fuße des Tungurahua, der zuletzt 2016 aktiv wurde. 1999 musste ganz Baños mehrere Monate evakuiert werden, was in einem bewaffneten Aufstand endete, in welchem das Militär vertrieben wurde und bei dem ein Mensch ums Leben kam. Scheinbar wurde die verlassene Stadt von Plünderern heimgesucht. Ich habe 2 leichte Erdbeben der Stufe 5,5 mitbekommen. Eines davon um Mitternacht. Man erhält umgehend eine Benachrichtigung auf sein Handy. Beschreiben lässt es sich so, als würde wenige Sekunden ein Güterzug vor der Haustür vorbeifahren. Giftige Tiere gibt es ins Baños keine. Im 1 Stunde entfernten Amazonas durchaus. Schlangenbisse gehen durch die meisten Schuhe und können tödlich enden.
So. Genug der Berichterstattung und dem vorerst letzten Logbucheintrag meiner Lateinamerikareise. Zum Schluss ist es mir noch ein Anliegen, 6 Punkte aufzuzählen, die mir in dieser Reihenfolge geholfen haben, mich von meinen Depressionen zu befreien. Ich würde mich zwar eher als trockener Depressiver bezeichnen, aber nichts destotrotz: Solltet ihr unter Depressionen leiden, könnte diese Anleitung Linderung verschaffen:
1. Medikamente (manche Leiden sind körperlich bedingt und können nur durch Medikamente behoben werden)
2. Training (Beseitigung negativer Energie im Körper und Selbstbewusstsein)
3. Studium (Zur geistigen Auslastung und als Beweis dafür, dass du nicht dumm/“wertlos“ bist, auch wenn du es vielleicht schon weißt)
4. Achtsamkeit (Nonplusultra) und deren Schulung durch Meditation
5. Reisen (wie beschrieben; der Ausbruch aus dem goldenen Käfig; Schaffung von Kontrasten)
6. Flooding
Der letzte Punkt ist sicherlich die Königsdisziplin. Flooding bedeutet sich seinen Ängsten zu stellen - und nicht nur das - sondern gezielt die Angst zu suchen und hineinzugehen. Es. Gibt. Keinen. Anderen. Weg. Um. Sich. Von. Ihr. Zu. Befreien. Du hast Angst davor Frauen anzusprechen? Tu es verdammt nochmal. Was ist das Schlimmste, das passieren kann? Du hast Angst vor körperlichen Auseinandersetzungen? Geh ins Boxtraining. Du hast Angst vor einem Bungeejump oder Ayahuasca, Maden zu essen, dem Fliegen, Haien oder Spinnen? Lass das Steuerrad los und vertraue dem Leben. Ich habe hierzu an meinem 100. Reisetag einen kleinen Vers verfasst, der mir an dieser Stelle passend erscheint:
„Mein Gott. Ecuador. Die Mitte der Erde. Der Nullpunkt, wo meine Bilanz unter dem Strich endlich positive Zahlen schreibt. Das Momentum hat an Fahrt aufgenommen. Dein Herz die Kompassnadel. Mein Herz der Steuermann. Nie fühlte ich mich vollkommener. Meine Sehnsucht hat mich nach Hause geführt. Es war jedoch nie ein Leuchtturm. Es war das Meer. Dieselben stürmischen Gewässer, die ich zeitlebens besegelt habe, nur sehe ich sie durch die Augen eines anderen. Ich lasse das Steuerrad los. Ich brauche es nicht mehr. Mit offenen Händen biete ich dem Universum mein Vertrauen dar, in friedlicher Akzeptanz jedweden Endes. Denn das Leben funktioniert weder ohne den Sturm, noch mit der Furcht vor seinem Heraufziehen und sobald die Angstsiegel gebrochen sind, erkennt man eine weitere Dimension: Das Wetterleuchten. Manche verlassen die Erde, ohne es je mit echten Augen erblickt zu haben. Andere waren nie blind, jedoch möglicherweise nicht mit demselben Erstaunen wie jemand, der nach 30 Jahren aus der Dunkelheit schreitet und für das erste Mal seine Augen gebraucht, um zu sehen, anstatt zu weinen. Es ist das Vertrauen in eine Macht, die dich entgegen des kontrollieren wollenden Verstands durch das Chaos an den Orte deiner Bestimmung führt. Nur Vertrauen, nur Glauben. Das ist alles, was Gott fordert.“
Beste Grüße aus Ulm, Deutschland
Rugged
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