Kapitel 2: Der Aufstieg
- ru89ed
- 2. Aug. 2024
- 5 Min. Lesezeit
Rugged auf Reisen
02.08.2024
14:49 Uhr
Wetter: Sonnig, ganz passabel
Hola Logbuch,
wir verbrachten noch einen weiteren Tag in Guatemala City, wo wir das historische Museum besuchten. Der Eintritt war mit 50 Q gar nicht mal so günstig, dafür dass sich die Ausstellung auf eine überschaubare Menge an Krempel beschränkte. Dafür führte uns eine zuvorkommende, Guatemaltekin durch die 9 Räume und erzählte etwas über die Geschichte Guatemalas. Gut, dass sie Englisch sprach, denn Texte waren ausschließlich auf Spanisch ausgestellt.
Des späteren Tages entschlossen wir uns Guatemala City, so reizvoll es auch war, einen Tag früher zu verlassen. Wir verlängerten den Aufenthalt in unserem Hostel in Antigua und nahmen am Mittwoch, den 31. ein Uber, das uns 1,5 Stunden durch den wilden Verkehr schleuste.
Die kleine Kolonialstadt war kein Vergleich zur ohrenbetäubenden Hauptstadt. Laut dem Rezeptionisten konnte man sorgenfrei des Nachts auf den holprigen Gassen sein Unwesen treiben. Wir fühlten uns sofort wohl und erkundeten, bis wir um 15 Uhr einchecken konnte, das von Vulkanen umgebene Örtchen. Der einzige Nachteil schienen die hohen Preise zu sein.
Wir erfuhren von einer 2-tägigen Tour zum aktiven Vulkan Acatenango mit Übernachtung für 300 Q. Da wir nach dem etwas holprigen Start einen gewissen Bedarf an etwas hatten, das sich etwas mehr nach Urlaub anfühlte, beschlossen wir kurzerhand die Tour für den nächsten Tag zu buchen, sodass wir am Freitag wieder im Städtchen wären. Am Wochenende gedachten wir auf die Kacke zu hauen. Gesagt, getan.
Am 1. des Monats klingelte der Wecker um 7:30 Uhr. An Klamotten packte ich Wechselsocken, einen Regenponcho und einen Longsleeve ein. Hinzu kamen die üblichen Gebrauchsgegenstände, wie Deo, Handy, Kamera, etc. Da wir nicht wirklich eine Ahnung davon hatten, was uns auf der Wanderung erwarten würde, versuchten wir dem Rezeptionisten ein paar Informationen zu entlocken. Er meinte jedoch nur, wir bräuchten nichts und eine Regenjacke könnten wir schon mitnehmen. Je nach Gusto. Der Bus stand relativ pünktlich vor den Toren des Hostels. Wir und ein paar weitere Glückliche hoppten on und der Bus fuhr mit einem wilden Bounce durch die Gassen, bei denen scheinbar nicht ein einziger Pflasterstein im Wasser lag. Ein paar Straßen weiter hielt der Bus und der Fahrer sagte etwas von veinte Minutos. Wir verweilten eine gute Stunde, bis die Organisatoren es bewältigt hatten, die versprochene Ausrüstung herbeizuschaffen. Wir stiegen zusammen mit einem Haufen Israelis in einen nun überfüllten anderen Bus um und nahmen Jacken, Stoffhandschuhe und -Mützen in Empfang. Die Klamotten sahen aus, als wären diese Obdachlosen entwendet worden. Oben drauf wurden unsere Rationen in schwarzen Plastiktüten verteilt und wir erhielten zu unserer großen Verwunderung jeweils eine 3,3 Literflasche Wasser. Dies war der Zeitpunkt, an dem wir merkten, was uns hier scheinbar bevorstehen würde und wir brachen in lautes Gelächter aus. Die großen Wanderrucksäcke hatten wir schließlich im Hostel gelassen.
Bis zum Fuße des Vulkans war es eine ca. 1-stündige Fahrt. Wir erreichten den Hof eines kleinen Anwesens, wo uns Stöcke für 10 Q und Ponchos für 5 Q angeboten wurden. Hurly erwarb einen dieser Ponchos, der jedoch nicht mehr als eine lochlose, hellblaue Plastiktüte war. Der Gang zur Toilette kostete ebenfalls 5 Q. Zu guter Letzt knüpften uns die Veranstalter weitere 100 Q für den Eintritt zum Vulkan ab, was uns unser letztes Geld kostete. Als wir nach einer weiteren Dreiviertelstunde endlich losmarschieren wollten, fing es an zu regnen und sollte, bis auf kleine Unterbrechungen auch nicht mehr damit aufhören. Mein T-Shirt war binnen weniger Minuten nass, was aufgrund der akzeptablen Temperaturen im Tal noch nicht weiter schlimm war. Der Vulkan lag jedoch auf 3.976 Metern und je höher wir kamen, desto kälter wurde es. Bereits auf der Fahrt hatte ich bemerkt, dass die Luft dünner wurde. Wir stapften also fast hyperventilierend den steilen, sandigen Berg hinauf, blödelten und freundeten uns bei der ersten Raststation mit den anderen Mitstreitern an. Hier nahmen wir auch unsere erste Mahlzeit ein, was eine recht anständige Portion Hähnchen mit Reis war. Die Rast, welche nach nicht mal einer Stunde eingeläutet wurde, dauerte mindestens eine Halbe- bis Dreiviertelstunde, was für mich nicht wirklich nachvollziehbar war, aber seis drum. Als wir uns wieder in Bewegung setzten, begann es unangenehm zu werden. Die Temperaturen sanken, die Luft wurde noch dünner und der Berg steiler. Die Mädels, die wir kennengelernt hatten, blieben bereits weit hinter uns zurück. Beim Basecamp wurde fleißig Bier und co. offeriert, was wir nun leider nicht mehr leisten konnten. Eine weitere unnötig lange Pause folgte, bevor es weiterging. Ab dieser Höhe war vom Panorama, das sich vermutlich um uns herum erhob, nichts mehr zu erkennen. Wir liefen in einer endlos scheindenden Wolke auf dem Weg zum erwürdigen des Gipfels. Die Jacken, die uns freundlicherweise ausgehändigt wurden, waren nicht wasserdicht. Es regnete auf meinen Poncho herab und ich schwitze unter dem Poncho, sodass ich sämtliche sonstige Oberbekleidung ablegte. Sobald die nächste viel zu lange Pause erfolgte, wurde mir jedoch wieder kalt, sodass ich wieder Kleidung anlegen musste. Nach ca. 3-4 Stunden wurde es bitterkalt. Phasenweise liefen wir durch strömenden Regen und waren nass bis auf die Socken. Meine Laune kippte und ich ärgerte mich über die verschenkten 50€, die in eine Tantramassage sicher besser investiert gewesen wären. Nach 6 Stunden der Plackerei kamen wir gegen 17 Uhr endlich an den Barracken an, die unser Schlafquartier sein sollten. Zu unserer Erleichterung waren die Stockbetten sauber und mit Kissen, Schlafsäcken und zusätzlichen Decken ausgestattet. Wir schälten uns die nassen Klamotten vom Leib, hängten sie auf eine Leine und wickelten uns in die Schlafsäcke, die wir bis zum nächsten Morgen nicht mehr zu verlassen gedachten. Die Temperaturen waren auf ca. 5° gesunken. 2 Stunden später trudelten die Mädels, die zurückgeblieben waren ein. Donye, eine Texanerin, legte sich samt Klamotten in eine Ecke, überhäufte sich mit Schlafsack und Decke und schlief sofort ein. Ein Mitwanderer trat beim Aufstieg in sein Bett, versehentlich auf sie, da sie unter dem Haufen Textilien nicht mehr zu sehen war. Das bitterste an der ganzen Geschichte war sicherlich, dass man vom sagenumwobenen Acatenango-Vulkan una mierda sah. Ich tauschte eine Scheibe meines Klopapiers gegen 2 Schlücke Likör ein und versuchte dann vergeblich ein Auge zuzubbekommen, bevor das erste Licht des nächsten Tages hereinbrach. Zwischendurch begab ich mich barfuß nach draußen, um mir wild zitternd auf die Hose zu pinkeln.
Der nächste Morgen war deutlich milder und es regnete auch nicht mehr. Der Nebel hatte sich jedoch nicht gelichtet. Ein Guide kam morgens in die Baracken, um Tee, Kaffee und Porridge zu verteilen. Die Klamotten, welche ich in der Schlafbaracke aufgehängt hatte, waren, bis auf die Schuhe, einigermaßen trocken. Die Jacke, welche ich in der extra vorgesehenen Trockenbaracke aufgehängt habe, war aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit nasser als zuvor. Glücklicherweise war diese jedoch nicht mehr von Nöten und hätte nach meinem Befinden auch zurückgelassen werden können. Der Abstieg war tatsächlich relativ entspannt und es regnete auch nicht mehr. Der Weg hinab war rutschig, aber wir überleben auch das. Am Base Camp erwarben wir mit unseren letzten Groschen, die wir noch in den Tiefen unserer Taschen gefunden hatten, 2 Gallos und freuten uns wie die Schneekönige. Am Vormittag kamen wir im Hof an, von dem aus wir gestartet waren, wo keine 10 Minuten später zu unserem Erstaunen tatsächlich auch der Bus eintraf, der uns zurück zu unserem Hostel fuhr.
Wir verabredeten uns mit ein paar Leuten, die mit uns durch die Hölle gegangen waren, zum festlichen Besäufnis im "El Barrio". Mittags gönnten wir uns ein gerechtes Mittagessen für 95 Q und ich begann anschließend diesen Eintrag zu verfassen. Es ist nun 17:49 Uhr und es regnet.
Nachtrag: Bei unserem Aufstieg wurden uns vom Geist des Vulkans unsere Reisenamen zugetragen: Hurly ward fortan "la Comandante" genannt. Crizz wurde auf den Namen "el Gallo" getauft. Meine Wenigkeit erhielt den ehrwürdigen Namen "el Borracho".
Kommentare