Kapitel 3: Highway to Hell
- ru89ed
- 10. Aug. 2024
- 4 Min. Lesezeit
Rugged auf Reisen
10.08.2024
17:23 Uhr
Wetter: Bewölkt
Buenos días querido Logbuch,
es ist eine Weile her, seitdem ich dir das letzte Mal geschrieben habe. Dies ist jedoch keineswegs Faulheit zuzuschreiben. Ich hatte anderweitig zu tun. Schließlich bist du nicht das einzige Medium in meinem Leben. Da gibt es beispielsweise noch die Musik. In der Zwischenzeit habe ich meinen ersten Part verfasst. Na gut, einen halben. Aber dafür saß ich gute zehn Stunden dran. Das Editing eines Videos habe ich ebenfalls fertiggestellt. Und nicht zuletzt gehe ich wieder die Schulbank drücken. Doch beginnen wir von vorn...
Der Freitagabend des 2. Augusts war ein Exzess. Der Geist des Vulkans hatte Comandante, Gallo und Borracho erweckt. Gegen 19 Uhr steuerten wir das "El Barrio" an, eine zweistöckige Bar, wo wir eine gute Stunde nach unserer Ankunft Donye, Rachel und die anderen Überlebenden des Acatenango-Zwischenfalls trafen. Euphorisiert durch den anständigen Tech-House flippten wir die ersten Kolben, bei denen es alles andere als bleiben sollte. Donye versorgte uns über den Abend immer wieder mit Tequilashots und noch vor dem Ortswechsel in einen Untergrundclub verging mir im El Barrio hören und sehen. Mein Gedächtnis vermag nur ein paar wenige verschwommene Erinnerungen abzurufen. Hier eine kurz zusammenfasste Chronologie des Abends:
- Gespräche finden statt
- Nach erhöhtem Pegel werden Tanzbeine geschwungen
- Die Israelis trudeln ein
- Gemeinschaftliches Trinken an den Bars
- Rachels Arsch vertwerkt mir in der Mitte der Tanzfläche die Pepino
- Letzte Runde im El Barrio
- Ortswechsel zu einem Untergrundclub
- Rachels Arsch vertwerkt einem der Israelis in der Mitte der Tanzfläche die Pepino
- Beinahes Übergeben nach einem weiteren Tequila von Donye
- Beutesuche aufgrund von Würstchenparty aussichtslos
- Antreten des Heimwegs
Ich lief also sturzbetrunken und orientierungslos eine Dreiviertelstunde alleine die Straßen Antiguas zurück zum Hostel und wurde dabei beinahe vom wachsamen Hund eines Penners angegriffen, der mich zu spät bemerkt und sich erschreckt hatte. Im Hostel angekommen hämmerte ich gegen das Tor und begehrte Einlass. Der Rezeptionist, der uns im Acatenangodebakel mit Fehlinformationen versorgt hatte, wies mich reserviert darauf hin, das nächste Mal die Klingel zu benutzen. Gleichermaßen reserviert nickte ich nur und verzog mich in unser Zimmer.
Der nächste Morgen begann eigentlich wie er endete - mit Gallo. Mit El Gallo. Der Kater war so verheerend und wir aufgrund des überragenden Absturzes so euphorisiert, dass wir uns morgens um halb 8 nach einer Dosis Elotrans binnen Millisekunden darauf verständigten direkt zu kontern. Wir fuhren (vermutlich auf Kosten der anderen Gäste) Boombap auf, führten tiefgründige Gespräche und ließen unsere Liebsten in Deutschland an unserer ekstatischen Laune teilhaben.
Es sollten die letzten Tage in Antigua werden. Am folgenden Montag würde uns ein Shuttelbus für 120 Q pro Person 3 Stunden zu unserem 3. Stopp nach San Pedro fahren. Den Rest des Wochenendes verbrachten wir damit viel zu besoffen einkaufen zu gehen, auszunüchtern, gut zu speisen, zum Cerro de La Cruz Aussichtspunkt hinaufzusteigen und sogar beim Antigua's Gym auf eine stabile Trainingseinheit vorbeizuschauen.
Am Montag, den 05. August, verließen wir unser Hostel in Antigua und bestiegen, leicht verfrüht, um Dreiviertelzehn einem zehnsitzigen Bus, der gemessen an der Beinfreiheit auch ein siebensitziger Bus hätte werden können, wäre er anständig designt worden. Der Fahrer zurrte unsere Rucksäcke am Dachgestänge fest und schon ging sie los, die wilde Fahrt. Unser Fahrer entpuppte sich schnell als Hitzkopf. Seine geistige CPU war für genau 1 Pedalstellung ausreichend: Voll durchgedrückt. Nach dem Motto: Ganz oder gar nicht. Eine Zwischengaslösung schien sich im nicht zu erschließen. Wenn also eine, in Signalfarben kenntlich gemachte, von Weitem einwandfrei erkennbare, Bodenwelle mit Karacho auf uns zugerast kam, stieg er auf dem letzten Meter ins Eisen, ehe er wieder Vollgas gab. Anschnallgurte wären zwar vorhanden gewesen, jedoch waren diese in den Tiefen der Sitzpolster begraben und für uns unerreichbar.
Es war auf eben dieser Fahrt, als uns das erste Mal die Ausmaße des vorherrschenden Chaos in diesem Land so richtig bewusst wurden. Arbeiter, die Rasen mit Macheten mähten. Straßen, die im Nichts endeten. Eingebrochene Autobahnstraßen, an deren Standstreifen Pferde grasten. Polizisten, die scheinbar den ganzen lieben langen Tag Ampeln substituierten. Unbeseitigte Steinlavinen auf Bergstraßen mit der Breite von holländischen Wendeltreppen, die unser Fahrer unbeeindruckt mit quietschenden Reifen entlangdriftete, sodass ich tatsächlich dachte, unser letztes Stündlein hätte geschlagen. Es ist ja nicht so als hätte ein Bus die Bodenhaftung eines Formel-1-Wagens. Zu guter Letzt übersah der Kerle eine Bodenwelle, die mich glatt aus meinem Sitz in der letzten Reihe katapultierte, sodass ich meinen Kopf an der Fahrzeugdecke anstieß, ehe ich wieder in einer zerknüllten Yogapose auf der Rückbank aufkam. Entgeistert blicke ich zu La Comandante rüber und sie blickte ebenso entgeistert zurück.
Als wir nach 3 Stunden endlich am Zielort ankamen, war ich schwer erleichtert. Die Kuriositäten amüsierten mich zwar bestens, anstrengend war es jedoch allemal. El Gallo sagte noch etwas davon, dass wir sogar pünktlich wären, als unsere holländischen Mitreisenden sich zu Wort meldeten und verkündeten, dass wir uns im falschen Ort befinden würden. Ich starrte kurz ungläubig ins Leere, ehe ich mich in die Embryostellung begab und zu schluchzen begann. Unser schwachsinniger Fahrer hatte es doch tatsächlich fertiggebracht die einzigen beiden Orte auf seiner Route zu vertauschen, sodass wir noch eine Stecke von weiteren 2 Stunden überleben mussten. Ich versuchte mir die Zeit mit dem Schreiben von Texten zu vertreiben und all den Wahnsinn, der mich umgab, auszublenden. Für einen Tag hatte ich genug gesehen.
Und für einen Tag habe ich auch genug geschrieben. Gleich gibt es essen. Ich beehre dich bald wieder, liebes Logbuch. Hasta pronto.
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