Kapitel 4: Der Atitlánsee
- ru89ed
- 12. Aug. 2024
- 6 Min. Lesezeit
Rugged auf Reisen
12.08.2024
16:53 Uhr
Wetter: Ein Unwetter naht
Liebes Logbuch,
da bin ich wieder. Bitte entschuldige das abrupte Ende des letzten Eintrags, doch wie du weißt habe ich auch anderweitige Verpflichtungen, den ich nachkommen muss. Wo waren wir...? Ach ja:
Wir erreichten unser Ziel gegen 15 Uhr. Unser Fahrer tat uns tatsächlich noch ein klein wenig Leid, da er dieselbe Tour nochmal vor sich hatte. Andererseits hatte es die Dachplatte auch nicht anders verdient. Wir marschierten einen kleinen verwilderten Pfad hinunter zum Atitlánsee und gelangten durch eine mit Bambusstöcken verkleidete Pforte zu unserer neuen Unterkunft, dem Tree House. Es besaß einen relativ großen Außenbereich mit Feuerstelle, Bar und Außenküche, sowie ein buntbemaltes, mit Wellblechdach ausgestattetes Häuschen. Es war sehr gemütlich, hippie as fuck und lag direkt am See. Comandante und Gallo quartierten sich im untern Doppelbettzimmer ein, während ich das darüberliegende Baumhaus bezog. Ich muss jedoch zugegeben, dass sich meine Begeisterung anfangs etwas in Grenzen hielt, da es von Selenops nur so wimmelte. Selenops? Webspinnen. Große Spinnen, mit einem Durchmesser von bis zu 9 cm. Glücklicherweise konnten wir in einem Laden ein Fliegengitter vorbestellen, welches des späteren Tages geliefert wurde. Ein Schiedsspruch durch Schere, Stein, Papier entschied, dass Comandante und Gallo das Fliegengitter in lila erhalten sollten. Ich erhielt das pinke und war beruhigt, dass mir im Schlaf nichts quer über die Fresse marschieren konnte. Die Spinnen, die uns am nächsten standen, erhielten außerdem Namen. Schließlich lebten sie dort. Neben meiner Eingangstür, zwischen zwei Balken, lebte Frederick. Hinter dem Badspiegel war Fitzgerald zu Hause, dessen Beinchen ab und an hervorlugten, aber das ist ok. Es ist eben etwas schüchtern. Im Verlauf des Tages kühlten wir uns im Wasser des Sees ab, machten uns mit unserer Umgebung vertraut und nahmen am Abend ein Tuktuk, das uns für 5 Q pro Person ins Restaurant Jakuu fuhr, wo wir den Abend mit tiefgründigen Gesprächen ausklingen ließen. Auf dem Heimweg trafen wir zufällig unsere druffe Nachbarin, in Begleitung eines abartig stinkenden Hawaiianers, von dem ich so weit wie möglich Abstand hielt, ohne unhöflich zu wirken. Wir hatten bereits über die Drogenszene in San Pedro gelesen und nachdem unsere Nachbarin uns vom Nachtleben berichtete, waren wir gespannt, was die Nächte für uns bereithalten würden. Meine erste Nacht im Baumhaus jedenfalls hielt Hundegebell und mit lautem Knallen auf dem Wellblech aufschlagende Avocados bereit, die vermutlich von einem Eichhörnchen gedroppt wurden, welches uns in den nächsten Tagen immer wieder einen Besuch abstatte. Eines Fernsehabends bekamen wir auch mal Besuch von einem riesigen Südopossum, das auf dem Zaun entlangbalancierte, bevor es zu den Ästen eines Baumes wurde. Ein weiteres Mal erspähten wir es im Baum, wo es sich, als wir es anleuchteten, totstellte.
Wir gewöhnten uns schnell an das ruhige Leben in San Pedro, kochten oder gingen Essen, spielten Billard im El Barrio, meditierten, schlenderten durch die Stadt, chillten am See oder machten Feuer mit minderwertigem Brennholz (nicht mal das funktioniert hier richtig), an dem wir Marshmallows ankokelten und ich in einer exklusiven Lesestunde meine Logbucheinträge verlas. Ich konzentrierte mich verstärkt auf kreative Arbeiten, schrieb Texte und editierte Videos. Die meiste Zeit wurde jedoch für das Lernen der spanischen Sprache aufgewendet, denn unter der Woche gingen wir von 9 bis 12 Uhr die Schulbank drücken.
Unsere Spanischlehrerin hieß Maria. Sie war eine kleine in guatemaltekische Tracht gekleidete Frau von 45 Jahren und hatte den Mund voller goldener Grillz. Sie war sehr herzlich und ihr lag viel daran uns ihre Muttersprache beizubringen. Der Unterricht fand in ihrem Garten statt, der in 15 Gehminuten Entfernung auf einem kleinen Berg lag. Maria versorgte uns in den Pausen mit kleinen Snacks, die sie selbst oder einer ihrer Familienmitglieder zubereitet hatten. Binnen weniger Tage erzielten wir hervorragende Fortschritte und waren bald imstande simple Konversationen zu führen, was das Leben enorm erleichterte. Das Wochenende hatten wir uns redlich verdient.
Zur Feier unseres Lernerfolgs zogen wir am Freitag los, um uns den Garaus zu machen. Im Club "Sublime" spielte die Skaband von Alex, unserem Gastgeber. Zuvor genehmigten wir uns im orientalischen Restaurant "Pita Sabij" ein kleines Festmahl und tranken zum Einstieg 2 Cuba Libre, ehe wir ins Sublime swaggerten. Es folgten weitere Cuba Libre, Tequila und von uns gebootleggte Vodkainjektionen aus dem Flachmann. Da uns der Sound nicht wirklich aus den Socken haute und es im Sublime fürchterlich nach der türlosen Toilette roch, stiefelten wir zwischendurch zum El Barrio, wo wir weitere Drinks zu uns nahmen, ehe wir wieder zurück ins Sublime liefen, da dieses scheinbar der einzige Laden war, der länger als 23 Uhr geöffnet war. Dort angekommen waren wir bereits auf einem anständigen Level. Wir unterhielten uns mit Alex und seiner Frau Ashley, Stimmung kam aufgrund fehlender Musik jedoch nicht wirklich auf und ich wurde ungehaltener. Als die Polizei das Sublime dicht machte und wir des Clubs verwiesen wurde, geriet die Situation außer Kontrolle und zwischen Comandante, Gallo und mir brach ein riesiger Streit aus. Comandante und Gallo machten sich sogleich auf den Heimweg, während ich mich noch 2 Deutschen anschloss, um eine vermeintliche Elektroparty aufzusuchen, die Gleichgesinnte uns zugeflüstert hatten. Die Party erwies sich jedoch als ein Gottesdienst und ernüchtert sahen wir ein, es einen Tag nennen zu müssen. Nach meiner Heimkehr wütete noch immer der Streit zwischen Comandante und Gallo und ich wurde, sobald ich durch die Gartentüre trat, wieder mit einbezogen, ehe wir alle wütend zu Bett gingen. Außer Gallo, der seine Nacht draußen am Lagerfeuer verbrachte.
Das Kopfkarussell drehte sich am nächsten Samstag noch immer, sodass ich mich nach einiger Überwindung zu kreativer Arbeit zwang, um ihm Einhalt zu gebieten. Als Comandante und Gallo aus dem Zimmer kamen, versöhnten wir uns sofort. Jeder gestand selbstlos seine Fehler ein, wie es anständiger nicht hätte sein können, zogen die korrekten Schlüsse und legen den Fauxpas ohne Groll ad acta. Comandante und Gallo besuchten anschließend Panajachel und ich vergrub mich für den Rest des Tages in meine kreativen Arbeiten.
Am Sonntag besuchten wir das Dorf San Marcos, um Klippenspringen zu gehen. Ein Motorboot transportierte uns kostengünstig über den See und legte am Pier an. Bereits von Weitem sahen wir den Holzsteg, von dem wir uns todesmutig in die Tiefe zu stürzen gedachten. Aus der Entfernung lies sich jedoch nicht erahnen, dass es sich um 12 Meter handelte. Unser Weg führte uns zuerst über den Strand und anschließend über einen Wanderpfad durch das malerische Naturreservat. Als wir auf der Holzplattform ankamen, standen bereits ein paar Schaulustige herum und warteten darauf, dass etwas passierte. Gallo und ich warfen augenblicklich unsere Klamotten ab und schritten wildentschlossen zum Ende der Plattform, wo hinter einer offenen Zauntür ein Guide stand, der uns eine kurze Einweisung gab:
1. Absprung
2. Ausbalancieren
3. Hände anlegen und mit gestreckten Beinen gerade eintauchen
Ich blickte in die Tiefe. Es waren tatsächlich 12 Meter. Gallo verlor keine Zeit, um über seine Angst nachzudenken und sprang in ein Panorama aus Vulkanen. Nun war ich an der Reihe. Ich nahm Anlauf, murmelte etwas in mich hinein, ohrfeigte mich links und rechts und rannte über die Klippe. Der Fall dauerte 1,56 Sekunden. Mit 55 km/h tauchte ich ins petrolblaue Wasser ein und fühlte mich wie neugeboren. Es war herrlich. Eilig stiegen wir die Felsen hinauf, spurteten zurück zur Plattform, salutierten und sprangen erneut. Gallo sprang insgesamt 5 oder 6 Mal. Ich sprang 4 Mal, nicht zuletzt weil mir aufgrund des harten Aufpralls der Arsch schmerzte. Das Selbstvertrauen stieg und die Anläufe wurden immer oskarreifer. Gallo schrie bereits von Weitem zum Guide herüber: "Is it free?" Der Guide blickte fragen zurück. Gallo schrie erneut: "Is it free?" Nach einem verwirrten "Yes... yes" sprintete Gallo mit dem maximal möglichen Anlauf über den Abgrund. Comandante war der Sprung aus 12 Metern Höhe nicht geheuer, obwohl sie bereits von einer 16 Meter Klippe gesprungen war. Sie versuchte sich daher an der ca. 4 Meter hohen Klippe, wo auch Gallo und ich an unseren Hechtsprüngen und Synchronbomben arbeiteten. Gallo wagte sogar einem Backflip, der zwar erfolgreich, jedoch kläglich anzuschauen war.
Als wir uns sattgesprungen hatten, bestiegen wir noch den Rest des Berges, um ein paar Mayaschreine in Augenschein zu nehmen. Es waren jedoch nicht mehr als Feuerstellen, an denen irgendwelche Materialien verbrannt wurden, um deren Gottkönige anzurufen. Im Dorfzentrum nahmen wir noch ein ausgezeichnetes, veganes Menü zu uns und erwischten dann mit perfektem Timing das Boot für den Rücktransport nach San Pedro. Zurück im Apartment, lernte ich 3 Stunden Spanisch, um für die nächste Woche gewappnet zu sein, während ein Hühnersüppchen im Lagerfeuer köchelte. Der Tag war so anstrengend gewesen, dass wir es nicht mehr schafften den Wes-Anderson-Film am Abend fertigzusehen.
Der heutige Tag verlief ähnlich, wie die meisten Schultage. Wir meisterten den Wiederholungstest von Maria mit Bravour und verbrachten den Rest des Tages wie gehabt mit dies und jenem.
Es ist nun 21:27 Uhr. Die Temperatur beträgt 18°C. Die Wellen des Atitlánsees schlagen sanft gegen das Ufer und Grillen zirpen. Um die Glühbirnen der Lichterkette schwirren kleine Käfer und verfangen sich in den Spinnennetzen. In der Ferne ist wieder das Bellofon aktiv. Ich kümmere mich noch um den Abwasch und begebe mich dann zu Bett. Gute Nacht, liebes Logbuch.
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